Halle/Saale und die Fakten
Das von der Stadt Halle/Saale bzw. vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familie entwickelte Fachkonzept ist in den letzten Monaten oft verkürzt und aus dem Zu-sammenhang gerissen wiedergegeben worden. Unterstellt wird scheinbar, dass unsere Beratung beabsichtigt, die Hilfen zur Erziehung und insbesondere die Heimerziehung zu Gunsten proaktiver Systeme einzustellen. Diese Behauptung ist falsch. Selbstverständlich sind die Angebote und Maßnahmen der Hilfen zur Erziehung und auch die Heimerziehung weiterhin nötig. Die proaktiven Systeme sind ein Instrument, um strukturiert die im System vorhandenen Ressourcen zu erschließen und somit eine strategische Entwicklungsüberlegung. Mit ihnen können frühzeitig Probleme erkannt und auf sie eingewirkt werden. Der in § 1, Abs. 4 SGB VIII erteilte Auftrag an Jugendhilfe kann mit Hilfe proaktiver Systeme tatsächlich zur Entfaltung gebracht werden mit dem Ergebnis, dass Hallenser Familien noch früher und niedrigschwelliger als bisher Hilfe erhalten. (Vgl. hierzu auch das im Anhang zu lesende Grundsatzpapier des Fachbereiches Kinder, Jugend und Familie: „Grundsätze einer proaktiven Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien in der Stadt Halle/Saale“).
Des Weiteren wird behauptet, Start habe der Stadt Halle/Saale zugesagt, sie könne innerhalb von zwei Jahren vier Millionen Euro mit diesem Konzept einsparen. Richtig ist, dass wir aufgrund unserer Erfahrungen mit ähnlichen Systemen (z. B. im Salzlandkreis, in den Städten Magdeburg und Potsdam) davon ausgehen dürfen, dass mittel- bzw. langfristig mit einer nach den Grundsätzen Entsäulung der Fachabteilungen, multiprofessionell arbeitenden Teams, wohnortnaher Versorgung, Proaktivität und Steuerung vollzogenen Umstrukturierung, den Bürgerinnen und Bürgern besser geholfen werden und darüber hinaus perspektivisch auch eine finanzielle Entlastung in bestimmten Bereichen erfolgen kann.
Start hat die Stadt Halle/Saale bereits bei der Vorstellung des Fachkonzeptes im Jugendhilfeausschuss im September 2006 darauf aufmerksam gemacht, dass mit schnellen Einsparungen bereits im Jahr 2007, wie von der Stadt beabsichtigt, nicht zu rechnen ist. Als dieses im Prozess deutlich wurde, genehmigte der Stadtrat den erforderlichen Nachtragshaushalt und stellte die Mittel gemäß dem notwendigen Hilfebedarf bereit. Im Mittelpunkt aller Überlegungen stand zu jeder Zeit das Kindeswohl, so ist auch der genehmigte Nachtragshaushalt in Höhe von 3,1 Millionen zu erklären.
Start ist beauftragt, die „Evaluation der Jugendhilfe unter Sozialraumaspekten mit dem Ziel der effektiven Nutzung der präventiven Potentiale der einzelnen Sozialräume der Stadt Halle“ zu begleiten und zu beraten. Start ist nicht verantwortlich für haushaltskonsolidierende Maßnahmen und die damit verbundenen Folgen für die Jugendhilfe der Stadt bzw. die unmittelbare Arbeit des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie.
Start wird immer wieder mit der Dienstanweisung Nr. 93 der Stadt Halle/Saale in Verbindung gebracht. Start hat diese Dienstanweisung nicht zu verantworten. Richtig ist, dass wir uns im Rahmen des Beratungsprozesses dafür ausgesprochen haben, alle Hilfen und damit insbesondere die der stationären Unterbringung außerplanmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Darüber hinaus haben wir mehrmals angeregt, strategische Fortbildungen anzubieten, in denen weitere neue Wege in der Jugendhilfe für Kinder, Jugendliche und Familien für die Stadt entwickelt werden (u. a. noch intensivere Unterstützung von Familiensystemen zur Problembewältigung, Erweiterung der Nutzung von unterschiedlichen Ressourcen im nahen Umfeld, verstärkte Berücksichtung von präventiven begleitenden Maßnahmen). Resultierend aus diesen Fortbildungen sollten neue Konzepte in Zusammenarbeit von MitarbeiterInnen des Fachbereiches und der freien Träger eingebracht und erarbeitet und später gemeinschaftlich erprobend umgesetzt werden.
In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass wir in Halle einen Beratungsauftrag wahrnehmen. In einigen Veröffentlichungen wird der Eindruck erweckt, dass Start Entscheidungen für den Fachbereich oder die Stadt Halle/Saale trifft. Diese Aussagen sind falsch. Wir beraten und begleiten den Umstrukturierungsprozess, aber wir entscheiden nicht, was konkret umgesetzt bzw. nicht umgesetzt wird. Unsere Aufgaben in der Beratung bestehen insbesondere darin,
- fachliche Informationen und theoretische Inputs einzubringen sowie fachliche Beratung durchzuführen, die sich auf den vom Auftraggeber definierten, inhaltlichen Rahmen beziehen und dabei unterschiedliche Möglichkeiten bzw. Alternativen des Vorgehens aufzeigen, um damit Entscheidungshilfen zu geben,
- den Rahmen für eine kontinuierliche Reflexion des Prozesses sicherzustellen, auf Probleme, die für uns aus der Außenperspektive sichtbar werden, hinzuweisen und deren Bearbeitung zu begleiten,
- die Moderation von Leitungstreffen, Teambesprechungen und andere Gesprächsrunden im Zusammenhang mit dem Auftrag zu übernehmen und
- spezifische Fortbildungsveranstaltungen durchzuführen oder hochspezielle Angebote zur Fortbildung im Rahmen des Auftrages zu vermitteln.
Die KritikerInnen behaupten, die Umstrukturierung fände ohne jedwede Beteiligung statt. Das ist falsch. Der Unterausschuss Jugendhilfeplanung und der Jugendhilfeausschuss haben fortlaufend über das Fachkonzept diskutiert, es beraten und abgestimmt. Die MitarbeiterInnen des Fachbereiches und die freien Träger wurden über das Rahmenkonzept informiert und gebeten, nach Beschluss des Rahmenkonzeptes durch den Jugendhilfeausschuss an der Ausgestaltung mitzuarbeiten (dass dies geschehen ist, sei an der Arbeitsgruppe proaktive Systeme belegt: Hier haben MitarbeiterInnen des Fachbereiches den von Start vorgeschlagenen proaktiven Ansatz aufgenommen und für die Stadt Halle/Saale weiterentwickelt. (Vgl. hierzu auch die im Anhang zu lesende Stellungnahme von Start: Entstehung des Grundsatzpapiers „Grundsätze einer proaktiven Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien in der Stadt Halle/Saale“).
Bei einer so grundlegenden und umfangreichen Umstrukturierung werden vertraute und bewährte Arbeitsabläufe, Strukturen und Aufgaben verändert und einiges neu gestaltet. Dass das bei den Beteiligten Verunsicherung oder Ängste auslöst und die eingeleiteten Veränderungen im laufenden Entwicklungsprozess ggf. nicht immer umfänglich genug kommuniziert wurden, räumen wir aus unserer Einschätzung heraus selbstkritisch ein. Wichtig ist uns aber, offen mit diesen normalen prozessimmanenten Spannungen umzugehen und sie im weiteren Prozess aufzugreifen und zu bearbeiten.
Aus diesem Grund hat Start bereits ab Juli 2007 u. a. alle Sozialpädagogischen Teams aufgesucht, Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge gesammelt und diese an die Leitung weitergegeben (siehe o. g. Stellungsnahme). Es wurden und werden Coaching-Veranstaltungen auf Ressortebene, zwischen Ressort- und TeamleiterInnen sowie auf der Ebene der SozialraummanagerInnen durchgeführt. Darüber hinaus ist von Beginn des Entwicklungsprozesses an ein Fortbildungsprogramm geplant gewesen, um den Prozess zu gegebener Zeit flankierend zu unterstützen. Eine Moderationsausbildung sollte bereits begonnen haben, wurde aber auf Wunsch der MitarbeiterInnen zunächst zu Gunsten grundlegender Klärungen im Gesamtprozess und zur Entwicklung eines gemeinsamen Grundverständnisses zum proaktiven Ansatz verschoben.
Es wird immer wieder behauptet, der Umstrukturierungsprozess sei gescheitert. Festzuhalten bleibt, dass im Oktober 2006 das Fachkonzept durch den Jugendhilfeausschuss beschlossen wurde, danach erfolgten bis Dezember Personalbemessungen und Stellenbeschreibungen. Ab Januar 2007 begann der Umzug der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in neue Räumlichkeiten und Teams. Die angelegte Struktur der Quartiersrunden erfolgte ab Juli 2007 Schritt für Schritt. Wer bereits im August 2007 von einem Scheitern des Prozesses spricht, zeigt nur, dass er von Organisationsentwicklung und notwendigen Veränderungsdauern nichts versteht. Die Rückmeldungen und Kritikpunkte der MitarbeiterInnen zum laufenden Prozess werden ernst genommen und fließen in die noch andauernde Teamentwicklung und weitere Prozessgestaltung ein. Alle Sozialraumplanungsgruppen und erste Quartiersrunden haben ihre Arbeit aufgenommen. Einzelne Erfolge sind spürbar und anstehende Reflektionsrunden mit den beteiligten Akteuren sollen den theoretischen Ansatz mit den praktischen Erfahrungen verknüpfen und das Konzept der proaktiven Arbeit weiterentwickeln.
Es wird behauptet, dass Start aufgrund von persönlichen Beziehungen seinerzeit den Zuschlag für diesen Auftrag erhielt. Start bewarb sich 2005 auf eine öffentliche Ausschreibung zur Begleitung einer auf den Sozialraum bezogenen Umstrukturierung des Fachbereiches Kinder, Jugend und Familie der Stadt Halle/Saale. Im Dezember 2005 wurde der Auftrag durch den Vergabeausschuss der Stadt Halle/Saale, und damit weder durch Einzelpersonen noch durch Interessengruppen, vergeben.
Seit 2006 wird immer wieder behauptet, Start bereichere sich auf Kosten der Halleschen Jugendhilfe. Sowohl in Internetforen als auch in Leserbriefen wurde und wird mit unseriösen Zahlen gearbeitet, nach denen die Beratungsgesellschaft einen hohen sechsstelligen Betrag für den Auftrag erhalten haben soll. Richtig ist, dass Start für den Beratungsauftrag inkl. aller Nebenkosten und Steuern insgesamt pro Jahr 80.000.- Euro erhalten hat. Damit sind sämtliche Personal- und Sachkosten sowie Honorare für Fortbildung und Qualifizierung abgegolten.
Verschiedentlich wird auch auf einen vermeintlichen Interessenskonflikt zwischen Beratungsauftrag und eigener Trägerschaft hingewiesen. Start leitet seit ihrer Gründung 1994 die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis, einen landesweit tätigen anerkannten Träger der Jugendhilfe mit ca. 500 MitarbeiterInnen. Intention und Hintergrund war und ist hier, eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis zu schaffen. Es geht darum, den Jugendhilfealltag gut zu kennen und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, um nicht theorielastig, an der Wirklichkeit der Praxis vorbei zu beraten. Bei der Übernahme einer Geschäftsbesorgung eines von der Stadt Halle/Saale gegründeten Vereins der Jugendberufshilfe sagte unser Geschäftsführer seinerzeit zu, dass die Stiftung in Halle nicht selbstständig tätig werden wird. Seit 1998 betreibt die Stiftung, wie versprochen keine eigenen Einrichtungen und Dienste in der Stadt Halle/Saale. Betriebsübernahmen aus der Stadt Halle/Saale die an die Stiftung heran getragen wurden, sind seither konsequent ausgeschlagen worden.
Klaus Roth und Hans Leitner
Geschäftsführung Start gGmbH
Weitere Informationen:
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„Grundsätze einer proaktiven Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien in der Stadt Halle/Saale“ (Grundsatzpapier des Fachbereiches Kinder, Jugend und Familie der Stadt Halle/Saale)
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Stellungnahme der Start Beratungsgesellschaft zur Entstehung des Grundsatzpapiers „Grundsätze einer proaktiven Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien in der Stadt Halle/Saale“
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